Allgemein, Frieden, Tagespolitik

Farbenspiele

Foto: Markus Spiske on Unsplash

Seit einigen Tagen werden auch diejenigen Menschen, die sich nicht für die Parlamentswahl interessieren, mit Spam-Nachrichten – in erster Linie als Wahlplakate an exponierten, öffentlichen Stellen – voll bombardiert.

Wir, der Souverän hätten die Wahl. Wir tragen mit unserem Stimmzettel unseren Beitrag für eine funktionierende Demokratie bei. Diese und andere im Sinn gleichlautende Argumente, weswegen diese Wahl eine Bürgerpflicht sei, sind ein wunderbarer Beleg dafür, dass der psychisch erkrankte Homo sapiens so gar nichts mehr um und in sich bemerkt oder spürt. Er ist emotional bereits vertrocknet und scheint nur noch die automatisierten Mechanismen wie ein Süchtiger abzuspulen. Was Pawlows Hunde konnten, überbieten gegenwärtige Menschen mit Sternchen.

Doch schauen wir uns die Frage nach einer Wahl, die wir scheinbar hätten, genauer an. Welche Wahl ist das? Die alles entscheidende gesellschaftliche Frage ist stets, wie wir leben wollen und welche Normen wir als allgemeingültig anerkennen. Nach den Plakaten zu urteilen, die mir in Städten wie Mainz, Hamburg oder Fulda aber auch im ländlichen Raum ins Auge fielen, sehe ich keine einzige Partei, welche die moralische und ethische Frage nach dem „wie“ für die nächsten vier Jahre und Jahrzehnte offen zur Debatte stellt. Alle Parteien samt ihren Plakaten saßen die letzten achtzehn Monate im Parlament und winkten neue, imperatorische Gesetzmäßigkeiten stückchenweise durch und höhlten den judikativen Zweig aus, wodurch institutioneller Widerstand de facto unmöglich geworden ist. Die Agenda um die angebliche Jahrhundert-Pandemie scheint nicht zur Diskussion zu stehen, zur einzigen Ausnahme gleich mehr

Jene blauen Parlamentsgenossen mit dem roten Häckchen, welche hier und da eine Brandrede hielten wegen des im Herbst letzten Jahres bedenklichen Infektionsschutzgesetzes, lassen sich nunmehr öffentlichkeitswirksam impfen, denn bei denen gilt auch „Unser Land, unsere Regeln“. Jene Gelben, welche ständig die Wiederkehr der Grundrechte einfordern, befürworten fortan die Vorzüge jener (im eigentlichen Sinn unveräußerlichen) Menschenrechte nur für Geimpfte. Von den Schwarzen, Grünen und beiden Roten sollte gar nicht erst geschrieben werden, denn ich sähe mich veranlasst mindestens ein halbes Dutzend Dekaden heranzuführen und aufzuzeigen, welche Interessen alle diese Parteien vertreten haben. Zu unseren Gunsten handelte man in den Parlamenten eigentlich nie. Gegenwärtig haben diese vier Parteien umso mehr eine Spaltung der Gesellschaft forciert, den Hass und die Angst als Haupttaktgeber in die Herzen der Menschen injiziert und sie wird sich dann und wann als Wohltäter zur Schau stellen, wenn sie und der tiefe Staat sich „herablassen“, um ein paar Prozentpunkte der Freiheiten wieder zu gewähren, die man uns über Nacht nahm.

Akute Argumente für einen Gang zur Urne gibt es für mein Verständnis der Bewahrung eines demokratischen Systems derzeit und hierzulande zwei. Einerseits ist keine Partei, die noch rechtsextremer und in ihrem Gedankengut abgeschotteter ist als die bayrischen Schwarzen willkommen im nationalen Parlament. Die Partei ist zwar seit vier Jahren bereits im Bundestag, doch eine Stabilisierung und letztendliche Legitimierung mit einer weiteren starken Wahl, ist eine Ohrfeige für alle Menschen, die Angst davor haben, dass Ausländerhass durch die Hintertür als Schlagzeilen immer häufiger Gehör finden. Die Geschichte hat uns gelehrt, dass dieser Hass gegenüber gleichermaßen Benachteiligten nicht über Nacht ihren Ausdruck im politischen Leben erhält, sondern stillschweigend und fließend salonfähig wird. So ist verständlich, dass jeder – und wenn nur ungültige – Stimmzettel, das Stimmenpotential für alle – und damit auch der letztgenannten – Parteien schmälert. Dagegen ist statistisch und rein rechnerisch zunächst nichts einzuwenden.

Ein weiteres Argument ist natürlich die Entstehung einer Partei wie die Basis, welche als erstes Ziel den Stopp aller „Carola“-Maßnahmen fordert. So sehr die Menschen dahinter uns inspirieren können und ich für jedwede Ziele genauso einstehen würde, der bereits vorhandene Doppelflügel der Partei ist schon mal ein Anhaltspunkt, wie schnell sich die Partei der Norm deutscher Parteien im einundzwanzigsten Jahrhundert anpassen wird, sodann eher früher als später infiltriert und korrumpiert wird. Nicht dass ich es dieser Partei wünsche, doch die Aussichten sind alles andere als rosig.

Das große und übergeordnete Argument gegen die Forderung, unbedingt seinen zivilen Wahldienst für die Demokratie zu leisten ist, dass auch diese Partei im Wesentlichen nach vorgegebenen Spielregeln handelt und sich bereits vorläufig unterordnet an ein bereits antidemokratisches und tyrannisches Herrschaftssystem. Im Grunde würde bei einer erfolgreichen Wahl die Banalität der Verwaltungsherrschaft über Jahre hin dazu führen, dass man auch bei dieser Partei irgendwann keinen wesentlichen Unterschied zu den anderen Parlamentsgenossen wahrnehmen würde. Der legislative Weg ist seit langer Zeit verrottet. Der Traum ist aus, um die demokratische Misère mit Worten von Rio Reiser lyrisch zu umschreiben.

Im Grunde braucht es für die gegenwärtige Herrschaftssystematik eine ganz neue Bezeichnung. Totalitarismus, Autokratie, Oligarchie oder auch Diktatur spiegeln stets in Teilen wieder, wie gegenwärtig von oben nach unten befohlen wird. Denn im Grunde haben die Menschenhasser, also Selbsthasser in einem Punkt nicht unrecht: Wir leben in einer gedanklich freien Welt, in der ein noch nie dagewesener Zugang zu Informationen und Wissen besteht. Selbst mit den offenkundigen Zensuren sind wir derzeit so frei in unserer Gedankenentfaltung wie zu keiner Epoche in der uns bekannten Menschheitsgeschichte. Zwar sind die Herrschaftsprinzipien das Problem, denn diese genießen seit dem Ende des letzten großen, weltweiten Krieges ein milliardenschweres, grandioses Marketing ihres Image. LeBon, Lippmann und Bernays sind vermutlich die Spitze des Eisberges, was gedanklich und emotional heutzutage alles möglich erscheint zur Massenkontrolle der Gedanken. Ein noch größeres Problem erscheinen jedoch die einheitlich gebildeten Schichten der Nationen. Im Grunde lässt sich das Herrschaftsprinzip für mein Befinden am ehesten mit dem Begriff der Psychokratie zusammenfassen. Es braucht nur die Köpfe zu waschen und zu verdrehen und man hat als Herrscher ein nekrophiles, roboterhaftes Wesen namens Mensch im einundzwanzigsten Jahrhundert, welcher so sehr Angst davor hat, dass all seine Gutgläubigkeit hinsichtlich seiner fabelhaften Welt nur ein fauler Zauber war und dieser sich deshalb lieber naiv gehorsam verhält.

Insofern verbietet es sich in diesen Tagen einzelne Debatten aufzumachen über das Für und Wider einer Wahl, wenn ganze Gesellschaften erkrankt sind und sich in einer sogenannten Massenpsychose befinden.

Ein Tier im Käfig hat zwar sicher noch Handlungsmöglichkeiten, doch wehe den Erwachten, die nicht mehr die Regeln innerhalb des Käfigs als Bedingung anerkennen, sondern sich nach dem Ungewissen außerhalb des Käfigs sehnen. Unser Käfig ist im außen klar ersichtlich und zu visualisieren, doch unser inneres Wesen erblindet und kann das Außen nicht erkennen. Und das in einer Zeit, in der kein anderes Sinnesorgan des Menschen so stark ausgeprägt ist wie unsere Augen. Wir erblinden quasi sehenden Auges!

Wenig ist in diesem Text erklärt, begründet und belegt worden. Denn wenn du noch nicht verstanden hast, wo du zu suchen hast und welche Dringlichkeit auf dem Spiel steht, dann ist es vermutlich ohnehin zu spät, dass du mit sanften, linguistischen Mitteln verstehst, worum es in diesen Zeilen geht. Die Farbenspiele einer Parteien-Hydra sind es jedenfalls nicht wert, sich überhaupt Gedanken darüber zu machen, ob denn nun diesmal alles besser wird, wenn ich meinen Beitrag in die Urne „weg“werfe, damit zu allem Überfluss auch noch einem System voller Pleiten, Pannen und Selbstzerstörungswahn die Legitimation erteile, genau so weiter zu machen.

Es ist an der Zeit, sich über die geltenden, doch imaginären Grenzen hinweg zu setzen und seine Freiheit milde gesprochen in die eigene Hand zu nehmen. Was das bedeutet, hängt ganz davon ab, wie sehr man noch fühlt, spürt und gewillt ist als friedvoller Träger der universellen Tapferkeitsmedaille wieder einmal zu blühen.

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